Samstag, 1. Oktober 2011

Ich geh dann mal beten. Oder: Ein kleiner Haufen Missverständnisse

Die Moschee die wir besucht haben

Ich bin konfessionslos. Dennoch war ich schon in vielen Kirchen. In protestantischen, katholischen und koptischen. In deutschen, französischen, polnischen, spanischen, italienischen, tschechischen und ägyptischen. Auch beim Papst war ich schon (allerdings war der nicht da). Auch an mehreren Gottesdiensten habe ich teilgenommen. Ich war in ein paar Synagogen, allerdings ohne an religiösen Veranstaltungen teil zu nehmen. Nur Moscheen habe ich bisher wenige besucht. Einmal waren Milot und ich in einer in Paris, aber auch nur ganz kurz. Erst dieses Jahr in Kairo habe ich ein paar besucht. Und dann habe ich mir gedacht: warum nicht mal hingehen um mit den Muslimen mit zu beten. Schließlich studiere ich Islamwissenschaft. Da wäre es doch mal ganz sinnvoll die Möglichkeit zu ergreifen das theoretisch erlernte praktisch um zu setzen. Zu gucken durfte ich schon mal, aber mit dabei sein ist ja nochmal was ganz anderes.
Nun bedarf das beten in der Moschee eine gewisse Vorbereitung. Ich musste mich nicht nur entsprechend kleiden und vorher waschen, nein, ich musste mich auch mental darauf einstellen, dass ich dann nicht einfach auf der letzten Bank zwischen den Gläubigen sitzen kann und mich vor allen religösen Handlungen drücken kann. Nein, ich muss den ganzen Ablauf mit machen. Gerade stehenbleiben wär ein bisschen blöd. Und wer mich kennt, der weiß wie ich so bin mit meinen mentalen Vorbereitungen....
So aber nun mal zu den physischen Vorbereitungen. Schon vor Wochen habe ich einem Freund hier gesagt, dass ich mal mit möchte in die Moschee. Hat ihn natürlich sehr gefreut und er hat auch sofort zugestimmt. Allerdings war ich da noch sehr ängstlich, weil ich dachte ich müsse dann alleine mit den fremden Frauen zusammen sein, ohne einen Ansprechpartner da zu haben. Er kann ja nicht mit mir zusammen beten. Als dann aber ein Freund von ihm kam, machte der den Vorschlag doch mit seiner Frau oder Schwiegermutter mit zu gehen. Puh! Sehr gute Idee (Balsam für meine mentale Vorbereitung).
Die Wochen verstrichen und ich habe mich nie getraut zu sagen: Jetzt will ich mit! Aber gestern war es dann so weit. um 18.30 sollte ich von einem Bekannten und seiner Schwiegermutter abgeholt werden. Wie es der Zufall will habe ich mich gestern mit Radwa getroffen. Einer ägyptischen Freundin die hier Deutsch studiert. Wir trafen uns zum Kaffee trinken und ich erzählte ihr, dass ich heute Abend zum beten in eine Moschee gehen werde und ich fragte sie, ob sie mich auch begleiten würde. Ne deutschsprechende Freundin in meinem Alter dabei zu haben ist doch nochmal was anderes und wie sich später rausstellen sollte, war ich heilfroh das Radwa mitkam.
Ich sagte Radwa, dass ich noch eine Abaya kaufen müsse. Ein Gewand zum beten, denn meine Hosen sind ein wenig zu eng und meine Obeteile ein wenig zu kurz. Also eher ungeeignet. Also machten wir uns auf zum nächsten Einkaufscenter. Radwa musste vorher noch beten. Also gingen wir in den Tiefgaragengebetsraum und ich konnte meine mentale Vorbereitung mit "zugucken" betreiben. Gleich danach sind wir wieder hoch ins Getümmel auf der Suche nach diesem eher unmodischen Kleidungsstück (für meinen Geschmack). Wir haben relativ schnell eine gefunden und auch gleich mitgenommen. Noch schnell ne Pepsi und dann ab zu mir nach Hause. Weitere Vorbereitungen standen an.
Ich musste mich waschen. Eigentlich muss man diverse Sachen bei der Gebetswaschung sagen, aber mein Gedächtnis ist eher schlecht und ich war froh, dass ich mir merken konnte in welcher Reihenfolge ich was waschen muss. Also hab ich beschlossen mich spirituell auf meine eigene Art und Weise und auf Deutsch auf das Gebet vorzubereiten. Nach dem waschen schnell die neue Abaya übergezogen und dann das "Prunkstück" des ganzen Outfits: das Kopftuch. Man ist ja eigen, es soll ja gut aussehen. Aber es muss auch halten beim beten. Erster Versuch sah ganz gut aus. Ich ging also runter von meinem Schlafzimmer und rief nur zu Radwa "nicht lachen!" Ich muss ja ehrlich sagen, das ausgelacht werden war meine größte Sorge. Auch als ich zu Freunden im Scherz sagte: Wenn ich morgen mit Kopftuch komme, lacht ihr mich doch eh aus. Aber ich bin so froh. Egal wie bescheuert ich jedesmal mit Kopftuch aussah, ich wurde nie ausgelacht.Aber weiter im Programm: ich war nicht ganz zufrieden mit meiner Kreation, also musste Radwa noch mal ran. Ich musste schmunzeln; kannte ich es doch eher dass Freundinnen sich die Haare frisieren und nicht das Kopftuch zurecht stecken. Mit ein bisschen hin und her probieren haben wir dann ein aktzeptables Ergebnis bekommen. Und da kam auch schon der Anruf, dass wir abgeholt werden.
Jetzt hieß es: ab auf die Straße mit dieser "Verkleidung". Ich wäre am liebsten gestorben. Hatte ich doch das Gefühl JEDER, aber auch wirklich JEDER wird mich auf der Straße anstarren. Dabei vergaß ich dabei ganz, dass hier so viele Frauen mit Kopftuch rumlaufen und ich nun wirklich keine Exotin war. Also wieder mal alles halb so schlimm. Ich lerne dann die Schwiegermutter kennen. Gigi. Gigi war sehr nett, allerdings entwickelten sich zwischen ihr und mir und ihr und Radwa diverse Missverständnisse. Erst einmal hat sie nicht so wirklich kapiert, dass Radwa eine muslimische Ägypterin ist, obwohl man das ziemlich deutlich sieht. Radwa hat ihr das auch auf Arabich gesagt, aber Gigi hat das nicht so ganz geschnallt. Wir sind dann hoch in die Moschee. Oben auf einer Empore beten die Frauen sodass die Männer sie nicht sehen können, die Frauen aber bequem runter auf die Männer gucken können.
Wir waren etwas früh dran und so haben Gigi und ich etwas zu Plaudern begonnen. Kurz darauf kam ihre Freundin Sally. Eine sehr gläubige junge Frau die sich an einem islamischen Institut religiös weiterbildet. Nach dem sprachlichen Missverständnis kommt es hier nun zum zweiten. Gigi und Sally dachten ich will konvertieren! Und eine komische alte Frau dachte das auch und begrüßte mich überschwänglich und freute sich riesig eine neue Schwester im Glauben begrüßen zu dürfen. Radwa fragte mich später, was ich denen erzählt habe. Und ich sagte nur "nichts, nur was ich studiere". Sie erzählte mir dann, dass die Alte schon ganz gespannt gefragt hatte ob ich denn schon die entsprechenden Worte gesagt hätte und Gigi und Sally sie abgewimmelt hätten und meinten, nein noch nicht. Da kam also das Stille-Post-Prinzip wieder durch. Kam also nicht an, dass ich nur mal zum gucken mit gekommen war und nicht nicht zum konvertieren. Na ja.
Vor dem Gebet kam Sally mir noch einen Crash-Kurs. Wie ich zu stehen habe, wohin ich gucken soll und was ich mit meinen Händen machen muss. Und: was ich wann sagen soll. Mir war gleich klar: Das kann ich mir alles nicht merken und ich war froh, dass man nicht laut betet sondern eigentlich nur die Lippen bewegt. Dann ging es auch ganz schnell los. Gigi rollte noch schnell ihren Mehrweg-Plastik-Gebetsteppich auf dem vorhandenen Gebetsteppich aus und los ging es. Ich machte alles nach was Gigi neben mir machte und mir viel natürlich nichts mehr von den Sachen ein die man während des Gebets sprechen soll. Aber das machte mir nichts aus. Für mich war das ein wirklich schönes Erlebnis. Sehr spirituell und wundervoll mit einer Hand voll Menschen, tief in ihr Gebet versunken die gleichen Bewegungsabläufe zu machen.
Nach dem Gebet hat Sally mich gefragt, ob ich noch Fragen hätte. Hatte ich aber nicht. Fand sie nicht so toll. Gigi auch nicht. Radwa fand's witzig. Vor allem, dass sie immer noch dachten ich will konvertieren (gerade dann muss man doch Fragen haben). Also haben wir uns drauf geeinigt, dass Sally und ich Emails austauchen, falls ich doch noch Fragen habe (sie hatte übrigens extra ihrem Professor Bescheid gesagt, dass sie mit lauter Fragen im Gepäck anrufen wird, weil sie heute ein Mädchen trifft das konvertieren will. Was hab ich nur angerichtet...). Ab ins Auto und wieder nach Hause.
Im Auto sagte Radwa mir, dass die scheinbar immer noch denken, dass sie Ägypterin sei die kein Arabisch könne, denn die beiden würden über mich sprechen. Also übersetzte Radwa mir, dass die beiden immer noch schrecklich verwundert und scheinbar auch ein bisschen enttäuscht sind wegen meiner Fragenlosigkeit. Wir brachten Radwa Heim, ich entledigte mich meiner unglaublich heißen Kluft und beschloss Sally doch noch mal meine Beweggründe zu erklären, damit sie nicht so enttäuscht nach Hause geht. Hat sie zum Glück verstanden und das Missverständnis war geklärt. Als ich dann auch noch mit Gigi das Missverständnis um Radwas Arabischkenntnisse klärte war sie etwas peinlich berührt.

Ich bin wirklich froh mitgegangen zu sein. Es war eine schöne Erfahrung, nicht nur für mich ganz persönlich oder für meine "Studienzwecke". Ich finde, es gehört auch ein wenig zur Allgemeinbildung oder wie man es sonst nennen soll, zu wissen wie die Mitmenschen und oft auf Freunde ihr Gebet abhalten. Ganz egal welchem Glauben sie angehören.


Meine Wahl fiel auf dieses grüne Tuch. 
Allerdings wurde es noch etwas enger gebunden.


Freitag, 30. September 2011

Zwei Verlobungsfeiern - ein und das selbe Chaos.


In der letzten Woche habe ich erfolgreich an zwei Verlobungsfeiern teilgenommen. Einer christlichen und einer muslimischen. Beide sind sich sehr ähnlich hier, aber von deutschen Feiern grundverschieden. Daher hieß es mal wieder: Kulturschock!
Auf der ersten Verlobungsfeier war ich letzen Samstag mit meiner Schwester, die hier zu Besuch war (und für die war es glaube ich noch ein größerer Kulturschock als für mich). So eine Verlobungsfeier ist quasi ein Testlauf für die Hochzeitsfeier, also viel kleiner als diese, dennoch größer als die typisch deutsche Hochzeit. Am Samstag sind wir also das erste mal ein eine koptische Kirche gegangen. Das Verlobungspaar hatte sich dazu entschlossen, sich mit Gottes Segen zu verloben. Wartet man in Deutschland in der Kirche auf das Brautpaar, wird es hier direkt vor der Tür von allen in Empfang genommen. Doch bevor es aus dem Auto aussteigen konnte wurde es erst einmal geschlagene 10 Min gefilmt und fotografiert In diesem Moment lernte ich das erste mal die Video-Leidenschaft der Ägypter kennen....
Wir gingen also hinter dem Brautpaar in die klimatisierte Kirche hinein, das direkt nach vorne ging und sich vor eine reich geschmückte Wand für Brautleute stellte. Leider saßen wir so, dass wir das Paar nur über die Video-Live-Übertragung sehen konnten. Und vermutlich hätten wir einen der Spitzenplätze haben müssen, um überhaupt was sehen zu können, denn der ganze Bereich vor dem Paar war voll von Kameraleuten und Fotografen die jede Regung festhalten mussten. 
Mitten in dem lauten Gewusel ging der Gottesdienst auch schon los. Nun, viele Gottesdienste habe ich in Deutschland auch nicht mitgemacht aber ich weiß, dass dort etwas alles ruhiger und gediegener zu geht. Und vor allem, dass wenn der Priester spricht, die Schäflein schweigen. Hier? Man hat doch so viel zu bereden und der Priester singt eh so laut, da hört man gar nicht wenn alle anderen noch reden. Auch das schon alles für die nächste Veranstaltung in der Kirche vorbereitet wird, der Müll ausgeleert oder sonst was stattfindet stört keinen. Zwischen dem Gespräch oder dem kurzen Spaziergang zu einem besseren Platz mit Sicht auf das Brautpaar wird noch schnell ein kurzes Gebet eingelegt und weiter geht es. Das Paar unterschreibt noch schnell ein Formular, das Verlobungsgeschenk (das permanent präsentiert wird), ein ganzes Schmuckset wird der künftigen Braut schnell umgehängt, Kreuze und Schlüssel geküsst und an die Stirn gehalten und schon ist alles vorbei. Auch das Ende habe ich nicht wirklich mitbekommen. Plötzlich wollten alle nur noch raus. 
Nach einer ewigen Glückwunsch-, Foto- und Video Session ging es dann auch zum Hotel wo gefeiert wurde. Zur Freude des Ereignissen wurden Feuerwerkskörper aus dem Auto geschmissen oder gehalten, mit einer Schreckschußpistole geschossen oder mal eben die ganze Straße blockiert und weitere Feuerwerkskörper zu zünden. Ich wunderte mich ständig, warum ich die Polizeisirene höre. Dachte schon "Ha, hier herrscht doch Recht und Ordnung und die schimpfen jetzt mit den, weil sie irgendwelche Knallkörper aus den Auto raus schmeißen". Aber Pustekuchen. Das Geräusch kam immer näher und war wieder weiter weg. Merkwürdig. Also fragte ich einen Freund im Auto, woher denn diese Polizeisirene kommt. "Ach, aus dem Auto hier das zu uns gehört!" "Ja aber wieder hat der denn im Privatauto die Polizeisirene?" "Hmm... entweder der ist bei der Polizei, oder hat sich die einfach aus nem Polizeiauto ausgebaut um die in seinem Auto zu haben." Ah ja.
Am Hotel angekommen wurde das Paar wieder geschlagene 10Min im Auto gefilmt, bis es denn endlich ausstieg und von den Gästen in Empfang genommen wurde. Mit arabischer Live Musik und Tanz. Ziemlich laut, aber wenigstens nicht so öde wie auf manchen deutschen Feiern. Doch bis es in Festsaal ging wurden drei Stopps auf dem kurzen Weg eingelegt um nochmal zu tanzen und, natürlich ganz wichtig: das Brautpaar zu filmen. Übrigens beim einfach in die Kamera gucken. Das ist genau das was mich so irritiert. Sie gucken und posen wie in eine Fotokamera, werden aber gefilmt. Na ja. Jedem was ihm gefällt.
Endlich im Festsaal angekommen erwartet man als Deutsche natürlich gleich das Essen. Zu früh gefreut. Erstmal muss weiter getanz werden. Wie ich später noch erfahren soll zu den absoluten Hochzeitsstandardliedern. Nach einer Weile tanzen geht's dann zurück an Platz (mein Kellnerherz blutete jedes mal wenn ich die Tische hier bei Feiern sah. Drei Gläser für sieben Personen?!) und dann wurde die Hochzeitstorte angeschnitten. Und ich weiß ja nicht, aber ich glaub die Hochzeitstorte gibts nur zum anschneiden. Gegessen wird später ne andere. Dann wurde endlich das Essen aufgetischt. Typisch ägyptisch natürlich und wahrscheinlich auch bei jeder Feier Standard. Wir mussten dann aber auch gleich nach Hause, schließlich stand ja am nächsten Tag die große Pyramiden-Tour an.
Gestern wurde ich dann wieder auf eine Verlobungsfeier eingeladen. Das muss ich ja sagen ist das schöne hier. Wird doch in Deutschland streng kalkuliert (bitte bloß keinen uneingeladenen Gast mitbringen) scheint das hier absolut kein Problem zu sein. Um 6 bekam ich einen Anruf. Ich schlief. "Hey wir gehen heute auf ne Verlobungsfeier, willste mit?!" "Achja, warum nicht... aber ich schlaf noch. Wie lange hab ich Zeit mich fertig zu machen?" "Eigentlich nur ne halbe Stunde aber ich geb dir ne Stunde". Für mich eigentlich kein Problem, zack unter die Dusche, zack Outfit raus gesucht, zack Haare und Make-up gemacht, Fertig, noch vor der Zeit. Und dann hieß es warten. Wiedermal typisch. Man konnte sich nicht einigen wer mich abholt und sonstige unerklärliche Verzögerungen kamen hinzu, sodass ich geschlagene einanhalb Stunden warten durfte.
Diese Feier war in irgendeinem Gebäude des Militärs. Das paar haben wir schon vor der Tür zum Festsaal getroffen. Wobei? Beim gefilmt werden natürlich. hier waren gleich zwei Videokameras dabei, dafür weniger Fotokameras. Also rein in den Festsaal. Mein Kellnerherz bekam diesmal einen noch schlimmeren Stich verpasst aber na ja, Kellner soll hier ja nicht Thema sein. Der Festsaal war noch halbleer, da ertönte durch grausige Lautsprecher der muslimische Gebetsruf und das Paar trat herein. Überglücklich wurde es von den paar anwesenden Leuten und Technomusik empfangen. Es folgte ein Wechsel zwischen Fotos auf der dafür bereitgestellen Couch machen, tanzen, neue Gäste begrüßen, mal eben Ringe tauschen, wieder Fotos und weiter tanzen. Das ganze natürlich wieder gefilmt, diesmal sogar mit Liveübetragung und Schnitt direkt hinter den Kulissen. 
Dann sollte es auch hier ans Essen gehen. Stolz wurde das Buffet von den Kameraleuten gefilmt (ich konnte es natürlich auf der Live-Übertragung sehen). Doch als dann auch eine Ansammlung von Fanta und Sprite-Dosen gefilmt wurde, und die Livebilder mit diversen Effekten unterlegt wurden, konnte ich mir das Lachen wirklich nicht mehr verkneifen. Wer zum Teufel will Fantadosen auf seinem Hochzeitsvideo zwei Minuten lang blinkend sehen?! 
Wir sind dann los zum Buffet und ich musste mich wieder daran erinnern, dass die Araber das nicht so mit anstellen haben. Aber egal, geht ja auch so. Man muss sich halt anpassen. Die Jungs wollten gleich den Nachtisch mitnehmen, aber ich meinte, man könnte doch erstmal das Hauptgericht essen und dann den Nachtisch holen. Aber sie sagten "Nimm dir lieber gleich was, bevor alles weg ist". Als ich auf dem Rückweg zu unserem Tisch an den anderen Tischen vorbei ging wusste ich, was sie meinten. Man könnte denken, eine Hungersnot bricht demnächst aus. Die Teller waren voller als voll und pro Person waren auch mehr als zwei Teller am Tisch (den Nachtisch mit einbegriffen). Außerdem wurden Notrationen an Fanta und Sprite Dosen heran geschleppt. Auch auf unserem Tisch sah es nicht besser aus. Alles wurde so schnell wie möglich und ohne Rücksicht auf jede Knicke-Regeln in sich hinein geschaufelt. Ich hatte aber noch glück. Man hatte mir noch was vom Nachtisch übrig gelassen.
Nach dem Essen sind wir auch gleich gegangen. Ist nur ne Verlobungsfeier, hieß es. Und ist auch gleich zwölf (nicht dass das ein Problem wäre). Na ja, mir wars ganz recht. Den ohrenbetäubenden Lärm aus den schrecklichen Lautsprechern konnte ich eh nicht mehr ertragen.

Eins habe ich jedenfalls festgestellt: So eine ägyptische Hochzeitsfeier oder auch nur Verlobungsfeier möchte ich nicht.

Samstag, 17. September 2011

Kairo heißt kuscheln

20 Millionen Menschen leben hier; da muss man schon mal etwas enger zusammen rücken. Und weil ich das Wort so gerne mag, nenne ich es kuscheln.
Kuscheln muss man hier öfter am Tag. Das fängt schon damit an, wenn man mit dem Taxi zur Arbeit fährt. Auto's lieben es hier zu kuscheln. Dicht an dicht drängen sie sich durch die Straßen (und wenn ich dicht sagte, dann meine ich auch dicht. Kuscheln eben.) Bei der Arbeit kuscheln wir auch. An einem Schreibtisch. Nicht, dass es nicht noch einen geben würde. Aber zu zweit ist es viel schöner. Da kann man sich viel besser Fotos zeigen, Rezepte austauschen oder über Jungs reden.
Auch nach der Arbeit kuschelt man weiter. Durch den Supermarkt beispielsweise, der so eng gebaut ist, dass man sich überall durchquetschen muss. Aber man muss auch aufpassen, denn der Ägypter bewegt seinen Einkaufwagen genau wie sein Auto: unkontrolliert und rücksichtslos. Da muss man schon mal mit dem Einkaufswagen auf tuchfühlung gehen.
Weiter geht's ins Café. Der Weg dorthin ist oftmals schon so ein Gedränge, dass man ständig am kuscheln ist. Menschenmassen überall. Doch nicht nur auf dem "Fussweg" (man mag ihn gar nicht so nennen), auch in der Metro wird gekuschelt (ich bevorzuge da den Damen-Waggon, der etwas geruchsneutraleres Kuscheln bietet), oder den Mini-Bus, in dem ich zum Glück mit einer mir bekannten Person kuscheln durfte. Aber wenn ich so manch anderen Mini-Bus sehe, dann weiß ich, wie gerne man hier kuschelt. Da hat man nicht nur links und rechts jemanden zum kuscheln, sondern auch über und wer weiß, vielleicht auch unter sich jemanden. Aber auch in einem normalen Auto kann man kuscheln. Nämlich dann, wenn man zu siebt ist, aber nur ein Auto hat. Dann kuschelt man halt. Allerdings haben dabei manche weniger Glück und müssen mit Handbremse und Schaltknopf kuscheln. Kommt man dann im Café an wird weiter gekuschelt, so voll kann es sein. Zwar bekommt jeder seinen eigenen Stuhl, aber bei oftmals vielen, riesigen Gruppen ganz schon ganz schön kuschelig werden. Aber auch im Park wird's gemütlich. Der ist zwar groß, aber wie gesagt: hier leben eine Menge Leute und die gehen gerne in Park.
Im CityStars Kaufhaus ist kuscheln eigentlich verboten, aber das kümmert keinen. Und auf dem Tahir-Platz kuscheln sie und kämpfen gleichzeitig für ihre Revolution.

Am liebsten kuscheln sie jedoch zu zweit. Auf einer der Nilbrücken zum Beispiel. Dann sitzen sie ganz eng nebeneinander und gucken auf die funkelnde Stadt und das glitzernde Wasser und vergessen die ganzen kuschelnden Massen hinter sich.
(Und ganz oft wünsche ich mir mit meinem Liebsten dort zu kuscheln....)

Der Ägypter lässt sich das kuscheln nicht verbieten!

Freitag, 16. September 2011

Geschichtsstunde - eine ernste Sache.

Es muss mal ernst werden.

Gestern war ich bei einem Freund zu Besuch. Wir reden oft über Religion und Glaube und das religiöse Leben hier in Ägypten. Gestern war noch ein Freund von ihm da. Wir kamen irgendwann auf das Thema Juden. Ein heikles Thema hier im Nahen Osten, das musste ich schon oft erleben. Der Freund der auch dort war sagte, dass er Juden hasse. Und Hitler sei ein großartiger Mensch gewesen. Das schockte mich noch nicht. Das habe ich schon oft gehört. Von Christen wie Muslimen aus dem Nahen Osten. Ich habe wieder die üblichen Sachen darauf geantwortet. Dass es falsch ist, sich über den Tod und das Leid von Millionen Menschen zu freuen und das man aufpassen muss, dass man die Politik Israels nicht mit den Juden im allgemeinen gleichsetzt. Nein, alle Juden würden Israel und deren Politik unterstützen und alle Juden seien böse Menschen. Sie hätten die gesamten Medien der Welt übernommen und kontrollieren sie. Hitler hätte ein paar Juden leben lassen, damit wir heute sehen was für schlechte Menschen sie sind. Mit Juden könne er niemals, wirklich niemals mehr als ein Wort wechseln, geschweige denn befreundet sein. Ich war geschockt. Und auch der Freund von mir, bei dem wir waren war geschockt. Er fragte ihn, wie er als gläubiger Muslim so etwas sagen könne. Das sei falsch und der Koran lehre ihm etwas ganz anderes. Es ist ihm egal. Kontakt mit einem Juden, niemals! Und Israel und die gesamten Juden müssen verschwinden. Ich erzähle ihm von meinem Besuch in Ausschwitz. Die Unmengen an Haaren, die ich dort sah, die Koffer, die Schuhe, die Bilder der Toten in den Ausstellungen. Ich war in der Gaskammer und sah Juden an den Verbrennungsöfen Kerzen anzünden. Auch für mich war das damals und ist es auch heute noch surreal. Man kann sich dieses unmenschliche Leid einfach nicht vorstellen. Aber ich weiß davon. Er wusste scheinbar nichts.
Ich erzählte ihm, dass nicht nur Juden umgekommen sind, auch Roma und Sinti, Schwule, Behinderte oder Politische Gegner und noch viele mehr. Ich erzählte ihm von den Experimenten von Dr. Megele und Amon Göth der wahllos von seiner Villa aus auf KZ-Insassen schoß. Ich fragte, ob er jemals von Anne Frank und ihrem Tagebuch gehört hatte. Nein, von nichts alledem hatte er gehört. Und auch von nichts vergelichbarem. Also holte ich mein Handy raus, und googelte Bilder aus den KZ's. Ich zeigte sie ihm.
Was mich wirklich berührt ist, dass es ihn vielleicht im ersten Moment geschockt hat, diese ausgemagerten Körper zu sehen, aber eigentlich hat er nichts verstanden. Und ich hatte auch das Gefühl, dass es ihm egal ist. Mit Juden möchte er niemals was zu tun haben. Das ist sei seine Meinung und wird es auch bleiben.

Der Freund von mir und ich bleiben geschockt. Und ich bin froh, dass nicht alle hier diese Ansichten haben.

Donnerstag, 15. September 2011

Wir kriegen nicht genug von: Plastik!

Da kommt man aus der schönen grünen, heilen Welt in Tübingen nach Kairo und was erwartet einen? Plastik! Plastik überall und für jeden Zweck. Da bekommt eine auf Öko getrimmte Ex-Kusterdingerin natürlich einen riesen Schock.
Plastik gibt's natürlich auch bei uns viel, aber ich vermute Plastik steht bei den Dingen die Ägypter lieben auf den obersten Rängen ihrer Beliebtheitsskala. So wird zum Beispiel im Supermarkt das Gemüse nicht in hauchdünne Plastiktüten gepackt oder ist in Pappverpackungen mit einfachem Plastiküberzug verfügbar, nein, hier gibts Styropor statt Pappe und gefühlte drei Schichten Plastikfolie um das Gemüse. Aber natürlich nicht nur Gemüse. Käse kommt in Plastik, Fleisch kommt in Plastik, Brot kommt in Plastik und Kekse kommen in Plastik. Also eigentlich alles was nicht eh schon in Plastik verpackt ist. Und sollte etwas nicht in Plastik verpackt werden, dann kommt es spätestens an der Kasse in Plastik. Ich würde ja gerne etwas für die ägyptische Umwelt tun und meine Einkäufe selbst einpacken, aber ich darf nicht. Also bekomme ich statt zwei Tüten sechs! Warum? Hm, des Rätsels Lösung suche ich noch immer. Meine bisherigen Forschungsergebnisse lauten: Fleisch darf nicht zu anderen Sachen, warm darf nicht zu kalt, Shampoo nicht zu Lebensmitteln und Eier (natürlich in Plastik statt Pappverpackung mit ordentlich Folie drum) kommen generell seperat. Kaugummis in eine seperate Tüte und dann in die normale Tüte, damit ich sie auch ja wieder finde. Denn Sinn und Zweck habe ich auch auf Nachfrage nicht verstanden (Shampoo könnte ja ans Fleisch kommen, aber das müsste erstmal den Weg durchs Plastik finden...).
Plastik gibts natürlich auch beim Kiosk gegenüber. Die obligatorische Tüte für eine Flasche Wasser, oder einen Schokoriegel. Manchmal ist der Schokoriegel so schnell in der Tüte, dass man sich gar nicht dagegen wehren kann aber mein Kiosk des vertrauens weiß schon, dass er mich fragen soll ob ich denn heute eine Tüte brauche oder nicht (ich habe ihm gesagt, dass ich Deutsche bin und wir Deutschen unsere Einkaufstüten selbst mitbringen bzw. den Schokoriegel halt in die Handtasche stecken). Plastik gibts natürlich auch in Form von Visitenkarten. Bei der Apotheke um die Ecke zum Beispiel. Die wird einem nach dem Einkauf in die Hand gedrückt und gesagt, wenn du wieder was brauchst ruf einfach an, wir liefern natürlich. Ich habe dankend abgelehnt und auch ihm erklärt, dass ich Deutsche bin und wir Deutschen eigentlich lieber persönlich in den Laden gehen um Sachen zu kaufen. Außerdem bezweifle ich, dass das sprachlich mit dem Bestellen klappt.
Aber auch das geliebte Automobil wird gerne eingepackt. Man liebt Plastik einfach zu sehr. Aber warum? Bei Taxis kann ich es ein wenig nachvollziehen, dass die Sitze in Plastk verpackt sind. Schließlich wechseln die auf-der-Sitzbank-Sitzer ja im Minutentakt, da nutzt der Bezug ziemlich schnell ab. Als Fahrgast ist so ein Plastikbezug eher unangenehm; das verlassen des Fahrzeugs ist besonders Tagsüber eher mit Schmerzen verbunden. Fraglich ist allerdings, warum Plastikfetzen des ehemaligen Bezugs noch immer auf der Sitzbank gelassen werden. Die Sitzbank ist längst durchgesessen aber die Spuren des vormaligen Schonbezugs wurden seit gefühlten 5 Jahren nicht entfernt. Gut man kann das alles verstehen. Aber nun kommt die Frage aller Fragen. Warum macht man(n) das: Mein Arbeitskollege nimmt mich manchmal mit nach Feierabend. Ich sitze also in seinem Auto (ca. 2 Jahre alt) und begutachte es von innen. Keine Plastikbezüge, gut. Mein Blick schweift nach oben an die Sonnenblenden. Eingepackt. In Plastik. Ich frage ihn: Warum sind lediglich deine Sonnenblenden in Plastik eingepackt? Und nun kommts: Ich werde das Plastik in drei Jahren entfernen und dann ist das Auto, inshallah, wie neu. Ich stockte. Ich wusste nicht weiter. Nach kurzer Bedenkzeit fragte ich ihn, wie denn das Auto in drei Jahren noch wie neu sein soll, wenn alles andere außer die Sonnenblenden Nutzungsspuren aufweist. Es schien, als machte er sich das erste mal Gedanken über sein Vorhaben, wusste aber auch keine gescheite Antwort und wiederholte lediglich "inshallah".

Ich wünsche ihm, dass es hilft.

Montag, 12. September 2011

Impressions of a Highway


Menschentransport

Strohtransport
Helm - nein, danke!
Papptransport
Zeltlager am Wegesrand
Tuktuk auf Aufholjagd
Werkstatt
Raststätte
Holzlager
Chemikalientransport
Moschee am Wegesrand
Ausschnitt der Müllhalde im Industrigebiet (am Straßenrand - natürlich)

Mittwoch, 7. September 2011

Ich bitte um Senf!

Jetzt hab ich mich mal ein wenig ausgiebiger mit "Blogger" beschäftigt und herausgefunden, dass man die Kommentarfunktion auch für nicht angemeldete User frei geben kann. Also bitte, gebt Euren Senf zu meinen Berichten!