Die Moschee die wir besucht haben
Ich bin konfessionslos. Dennoch war ich schon in vielen Kirchen. In protestantischen, katholischen und koptischen. In deutschen, französischen, polnischen, spanischen, italienischen, tschechischen und ägyptischen. Auch beim Papst war ich schon (allerdings war der nicht da). Auch an mehreren Gottesdiensten habe ich teilgenommen. Ich war in ein paar Synagogen, allerdings ohne an religiösen Veranstaltungen teil zu nehmen. Nur Moscheen habe ich bisher wenige besucht. Einmal waren Milot und ich in einer in Paris, aber auch nur ganz kurz. Erst dieses Jahr in Kairo habe ich ein paar besucht. Und dann habe ich mir gedacht: warum nicht mal hingehen um mit den Muslimen mit zu beten. Schließlich studiere ich Islamwissenschaft. Da wäre es doch mal ganz sinnvoll die Möglichkeit zu ergreifen das theoretisch erlernte praktisch um zu setzen. Zu gucken durfte ich schon mal, aber mit dabei sein ist ja nochmal was ganz anderes.
Nun bedarf das beten in der Moschee eine gewisse Vorbereitung. Ich musste mich nicht nur entsprechend kleiden und vorher waschen, nein, ich musste mich auch mental darauf einstellen, dass ich dann nicht einfach auf der letzten Bank zwischen den Gläubigen sitzen kann und mich vor allen religösen Handlungen drücken kann. Nein, ich muss den ganzen Ablauf mit machen. Gerade stehenbleiben wär ein bisschen blöd. Und wer mich kennt, der weiß wie ich so bin mit meinen mentalen Vorbereitungen....
So aber nun mal zu den physischen Vorbereitungen. Schon vor Wochen habe ich einem Freund hier gesagt, dass ich mal mit möchte in die Moschee. Hat ihn natürlich sehr gefreut und er hat auch sofort zugestimmt. Allerdings war ich da noch sehr ängstlich, weil ich dachte ich müsse dann alleine mit den fremden Frauen zusammen sein, ohne einen Ansprechpartner da zu haben. Er kann ja nicht mit mir zusammen beten. Als dann aber ein Freund von ihm kam, machte der den Vorschlag doch mit seiner Frau oder Schwiegermutter mit zu gehen. Puh! Sehr gute Idee (Balsam für meine mentale Vorbereitung).
Die Wochen verstrichen und ich habe mich nie getraut zu sagen: Jetzt will ich mit! Aber gestern war es dann so weit. um 18.30 sollte ich von einem Bekannten und seiner Schwiegermutter abgeholt werden. Wie es der Zufall will habe ich mich gestern mit Radwa getroffen. Einer ägyptischen Freundin die hier Deutsch studiert. Wir trafen uns zum Kaffee trinken und ich erzählte ihr, dass ich heute Abend zum beten in eine Moschee gehen werde und ich fragte sie, ob sie mich auch begleiten würde. Ne deutschsprechende Freundin in meinem Alter dabei zu haben ist doch nochmal was anderes und wie sich später rausstellen sollte, war ich heilfroh das Radwa mitkam.
Ich sagte Radwa, dass ich noch eine Abaya kaufen müsse. Ein Gewand zum beten, denn meine Hosen sind ein wenig zu eng und meine Obeteile ein wenig zu kurz. Also eher ungeeignet. Also machten wir uns auf zum nächsten Einkaufscenter. Radwa musste vorher noch beten. Also gingen wir in den Tiefgaragengebetsraum und ich konnte meine mentale Vorbereitung mit "zugucken" betreiben. Gleich danach sind wir wieder hoch ins Getümmel auf der Suche nach diesem eher unmodischen Kleidungsstück (für meinen Geschmack). Wir haben relativ schnell eine gefunden und auch gleich mitgenommen. Noch schnell ne Pepsi und dann ab zu mir nach Hause. Weitere Vorbereitungen standen an.
Ich musste mich waschen. Eigentlich muss man diverse Sachen bei der Gebetswaschung sagen, aber mein Gedächtnis ist eher schlecht und ich war froh, dass ich mir merken konnte in welcher Reihenfolge ich was waschen muss. Also hab ich beschlossen mich spirituell auf meine eigene Art und Weise und auf Deutsch auf das Gebet vorzubereiten. Nach dem waschen schnell die neue Abaya übergezogen und dann das "Prunkstück" des ganzen Outfits: das Kopftuch. Man ist ja eigen, es soll ja gut aussehen. Aber es muss auch halten beim beten. Erster Versuch sah ganz gut aus. Ich ging also runter von meinem Schlafzimmer und rief nur zu Radwa "nicht lachen!" Ich muss ja ehrlich sagen, das ausgelacht werden war meine größte Sorge. Auch als ich zu Freunden im Scherz sagte: Wenn ich morgen mit Kopftuch komme, lacht ihr mich doch eh aus. Aber ich bin so froh. Egal wie bescheuert ich jedesmal mit Kopftuch aussah, ich wurde nie ausgelacht.Aber weiter im Programm: ich war nicht ganz zufrieden mit meiner Kreation, also musste Radwa noch mal ran. Ich musste schmunzeln; kannte ich es doch eher dass Freundinnen sich die Haare frisieren und nicht das Kopftuch zurecht stecken. Mit ein bisschen hin und her probieren haben wir dann ein aktzeptables Ergebnis bekommen. Und da kam auch schon der Anruf, dass wir abgeholt werden.
Jetzt hieß es: ab auf die Straße mit dieser "Verkleidung". Ich wäre am liebsten gestorben. Hatte ich doch das Gefühl JEDER, aber auch wirklich JEDER wird mich auf der Straße anstarren. Dabei vergaß ich dabei ganz, dass hier so viele Frauen mit Kopftuch rumlaufen und ich nun wirklich keine Exotin war. Also wieder mal alles halb so schlimm. Ich lerne dann die Schwiegermutter kennen. Gigi. Gigi war sehr nett, allerdings entwickelten sich zwischen ihr und mir und ihr und Radwa diverse Missverständnisse. Erst einmal hat sie nicht so wirklich kapiert, dass Radwa eine muslimische Ägypterin ist, obwohl man das ziemlich deutlich sieht. Radwa hat ihr das auch auf Arabich gesagt, aber Gigi hat das nicht so ganz geschnallt. Wir sind dann hoch in die Moschee. Oben auf einer Empore beten die Frauen sodass die Männer sie nicht sehen können, die Frauen aber bequem runter auf die Männer gucken können.
Wir waren etwas früh dran und so haben Gigi und ich etwas zu Plaudern begonnen. Kurz darauf kam ihre Freundin Sally. Eine sehr gläubige junge Frau die sich an einem islamischen Institut religiös weiterbildet. Nach dem sprachlichen Missverständnis kommt es hier nun zum zweiten. Gigi und Sally dachten ich will konvertieren! Und eine komische alte Frau dachte das auch und begrüßte mich überschwänglich und freute sich riesig eine neue Schwester im Glauben begrüßen zu dürfen. Radwa fragte mich später, was ich denen erzählt habe. Und ich sagte nur "nichts, nur was ich studiere". Sie erzählte mir dann, dass die Alte schon ganz gespannt gefragt hatte ob ich denn schon die entsprechenden Worte gesagt hätte und Gigi und Sally sie abgewimmelt hätten und meinten, nein noch nicht. Da kam also das Stille-Post-Prinzip wieder durch. Kam also nicht an, dass ich nur mal zum gucken mit gekommen war und nicht nicht zum konvertieren. Na ja.
Vor dem Gebet kam Sally mir noch einen Crash-Kurs. Wie ich zu stehen habe, wohin ich gucken soll und was ich mit meinen Händen machen muss. Und: was ich wann sagen soll. Mir war gleich klar: Das kann ich mir alles nicht merken und ich war froh, dass man nicht laut betet sondern eigentlich nur die Lippen bewegt. Dann ging es auch ganz schnell los. Gigi rollte noch schnell ihren Mehrweg-Plastik-Gebetsteppich auf dem vorhandenen Gebetsteppich aus und los ging es. Ich machte alles nach was Gigi neben mir machte und mir viel natürlich nichts mehr von den Sachen ein die man während des Gebets sprechen soll. Aber das machte mir nichts aus. Für mich war das ein wirklich schönes Erlebnis. Sehr spirituell und wundervoll mit einer Hand voll Menschen, tief in ihr Gebet versunken die gleichen Bewegungsabläufe zu machen.
Nach dem Gebet hat Sally mich gefragt, ob ich noch Fragen hätte. Hatte ich aber nicht. Fand sie nicht so toll. Gigi auch nicht. Radwa fand's witzig. Vor allem, dass sie immer noch dachten ich will konvertieren (gerade dann muss man doch Fragen haben). Also haben wir uns drauf geeinigt, dass Sally und ich Emails austauchen, falls ich doch noch Fragen habe (sie hatte übrigens extra ihrem Professor Bescheid gesagt, dass sie mit lauter Fragen im Gepäck anrufen wird, weil sie heute ein Mädchen trifft das konvertieren will. Was hab ich nur angerichtet...). Ab ins Auto und wieder nach Hause.
Im Auto sagte Radwa mir, dass die scheinbar immer noch denken, dass sie Ägypterin sei die kein Arabisch könne, denn die beiden würden über mich sprechen. Also übersetzte Radwa mir, dass die beiden immer noch schrecklich verwundert und scheinbar auch ein bisschen enttäuscht sind wegen meiner Fragenlosigkeit. Wir brachten Radwa Heim, ich entledigte mich meiner unglaublich heißen Kluft und beschloss Sally doch noch mal meine Beweggründe zu erklären, damit sie nicht so enttäuscht nach Hause geht. Hat sie zum Glück verstanden und das Missverständnis war geklärt. Als ich dann auch noch mit Gigi das Missverständnis um Radwas Arabischkenntnisse klärte war sie etwas peinlich berührt.
Ich bin wirklich froh mitgegangen zu sein. Es war eine schöne Erfahrung, nicht nur für mich ganz persönlich oder für meine "Studienzwecke". Ich finde, es gehört auch ein wenig zur Allgemeinbildung oder wie man es sonst nennen soll, zu wissen wie die Mitmenschen und oft auf Freunde ihr Gebet abhalten. Ganz egal welchem Glauben sie angehören.
Meine Wahl fiel auf dieses grüne Tuch.
Allerdings wurde es noch etwas enger gebunden.















