Samstag, 17. September 2011

Kairo heißt kuscheln

20 Millionen Menschen leben hier; da muss man schon mal etwas enger zusammen rücken. Und weil ich das Wort so gerne mag, nenne ich es kuscheln.
Kuscheln muss man hier öfter am Tag. Das fängt schon damit an, wenn man mit dem Taxi zur Arbeit fährt. Auto's lieben es hier zu kuscheln. Dicht an dicht drängen sie sich durch die Straßen (und wenn ich dicht sagte, dann meine ich auch dicht. Kuscheln eben.) Bei der Arbeit kuscheln wir auch. An einem Schreibtisch. Nicht, dass es nicht noch einen geben würde. Aber zu zweit ist es viel schöner. Da kann man sich viel besser Fotos zeigen, Rezepte austauschen oder über Jungs reden.
Auch nach der Arbeit kuschelt man weiter. Durch den Supermarkt beispielsweise, der so eng gebaut ist, dass man sich überall durchquetschen muss. Aber man muss auch aufpassen, denn der Ägypter bewegt seinen Einkaufwagen genau wie sein Auto: unkontrolliert und rücksichtslos. Da muss man schon mal mit dem Einkaufswagen auf tuchfühlung gehen.
Weiter geht's ins Café. Der Weg dorthin ist oftmals schon so ein Gedränge, dass man ständig am kuscheln ist. Menschenmassen überall. Doch nicht nur auf dem "Fussweg" (man mag ihn gar nicht so nennen), auch in der Metro wird gekuschelt (ich bevorzuge da den Damen-Waggon, der etwas geruchsneutraleres Kuscheln bietet), oder den Mini-Bus, in dem ich zum Glück mit einer mir bekannten Person kuscheln durfte. Aber wenn ich so manch anderen Mini-Bus sehe, dann weiß ich, wie gerne man hier kuschelt. Da hat man nicht nur links und rechts jemanden zum kuscheln, sondern auch über und wer weiß, vielleicht auch unter sich jemanden. Aber auch in einem normalen Auto kann man kuscheln. Nämlich dann, wenn man zu siebt ist, aber nur ein Auto hat. Dann kuschelt man halt. Allerdings haben dabei manche weniger Glück und müssen mit Handbremse und Schaltknopf kuscheln. Kommt man dann im Café an wird weiter gekuschelt, so voll kann es sein. Zwar bekommt jeder seinen eigenen Stuhl, aber bei oftmals vielen, riesigen Gruppen ganz schon ganz schön kuschelig werden. Aber auch im Park wird's gemütlich. Der ist zwar groß, aber wie gesagt: hier leben eine Menge Leute und die gehen gerne in Park.
Im CityStars Kaufhaus ist kuscheln eigentlich verboten, aber das kümmert keinen. Und auf dem Tahir-Platz kuscheln sie und kämpfen gleichzeitig für ihre Revolution.

Am liebsten kuscheln sie jedoch zu zweit. Auf einer der Nilbrücken zum Beispiel. Dann sitzen sie ganz eng nebeneinander und gucken auf die funkelnde Stadt und das glitzernde Wasser und vergessen die ganzen kuschelnden Massen hinter sich.
(Und ganz oft wünsche ich mir mit meinem Liebsten dort zu kuscheln....)

Der Ägypter lässt sich das kuscheln nicht verbieten!

Freitag, 16. September 2011

Geschichtsstunde - eine ernste Sache.

Es muss mal ernst werden.

Gestern war ich bei einem Freund zu Besuch. Wir reden oft über Religion und Glaube und das religiöse Leben hier in Ägypten. Gestern war noch ein Freund von ihm da. Wir kamen irgendwann auf das Thema Juden. Ein heikles Thema hier im Nahen Osten, das musste ich schon oft erleben. Der Freund der auch dort war sagte, dass er Juden hasse. Und Hitler sei ein großartiger Mensch gewesen. Das schockte mich noch nicht. Das habe ich schon oft gehört. Von Christen wie Muslimen aus dem Nahen Osten. Ich habe wieder die üblichen Sachen darauf geantwortet. Dass es falsch ist, sich über den Tod und das Leid von Millionen Menschen zu freuen und das man aufpassen muss, dass man die Politik Israels nicht mit den Juden im allgemeinen gleichsetzt. Nein, alle Juden würden Israel und deren Politik unterstützen und alle Juden seien böse Menschen. Sie hätten die gesamten Medien der Welt übernommen und kontrollieren sie. Hitler hätte ein paar Juden leben lassen, damit wir heute sehen was für schlechte Menschen sie sind. Mit Juden könne er niemals, wirklich niemals mehr als ein Wort wechseln, geschweige denn befreundet sein. Ich war geschockt. Und auch der Freund von mir, bei dem wir waren war geschockt. Er fragte ihn, wie er als gläubiger Muslim so etwas sagen könne. Das sei falsch und der Koran lehre ihm etwas ganz anderes. Es ist ihm egal. Kontakt mit einem Juden, niemals! Und Israel und die gesamten Juden müssen verschwinden. Ich erzähle ihm von meinem Besuch in Ausschwitz. Die Unmengen an Haaren, die ich dort sah, die Koffer, die Schuhe, die Bilder der Toten in den Ausstellungen. Ich war in der Gaskammer und sah Juden an den Verbrennungsöfen Kerzen anzünden. Auch für mich war das damals und ist es auch heute noch surreal. Man kann sich dieses unmenschliche Leid einfach nicht vorstellen. Aber ich weiß davon. Er wusste scheinbar nichts.
Ich erzählte ihm, dass nicht nur Juden umgekommen sind, auch Roma und Sinti, Schwule, Behinderte oder Politische Gegner und noch viele mehr. Ich erzählte ihm von den Experimenten von Dr. Megele und Amon Göth der wahllos von seiner Villa aus auf KZ-Insassen schoß. Ich fragte, ob er jemals von Anne Frank und ihrem Tagebuch gehört hatte. Nein, von nichts alledem hatte er gehört. Und auch von nichts vergelichbarem. Also holte ich mein Handy raus, und googelte Bilder aus den KZ's. Ich zeigte sie ihm.
Was mich wirklich berührt ist, dass es ihn vielleicht im ersten Moment geschockt hat, diese ausgemagerten Körper zu sehen, aber eigentlich hat er nichts verstanden. Und ich hatte auch das Gefühl, dass es ihm egal ist. Mit Juden möchte er niemals was zu tun haben. Das ist sei seine Meinung und wird es auch bleiben.

Der Freund von mir und ich bleiben geschockt. Und ich bin froh, dass nicht alle hier diese Ansichten haben.

Donnerstag, 15. September 2011

Wir kriegen nicht genug von: Plastik!

Da kommt man aus der schönen grünen, heilen Welt in Tübingen nach Kairo und was erwartet einen? Plastik! Plastik überall und für jeden Zweck. Da bekommt eine auf Öko getrimmte Ex-Kusterdingerin natürlich einen riesen Schock.
Plastik gibt's natürlich auch bei uns viel, aber ich vermute Plastik steht bei den Dingen die Ägypter lieben auf den obersten Rängen ihrer Beliebtheitsskala. So wird zum Beispiel im Supermarkt das Gemüse nicht in hauchdünne Plastiktüten gepackt oder ist in Pappverpackungen mit einfachem Plastiküberzug verfügbar, nein, hier gibts Styropor statt Pappe und gefühlte drei Schichten Plastikfolie um das Gemüse. Aber natürlich nicht nur Gemüse. Käse kommt in Plastik, Fleisch kommt in Plastik, Brot kommt in Plastik und Kekse kommen in Plastik. Also eigentlich alles was nicht eh schon in Plastik verpackt ist. Und sollte etwas nicht in Plastik verpackt werden, dann kommt es spätestens an der Kasse in Plastik. Ich würde ja gerne etwas für die ägyptische Umwelt tun und meine Einkäufe selbst einpacken, aber ich darf nicht. Also bekomme ich statt zwei Tüten sechs! Warum? Hm, des Rätsels Lösung suche ich noch immer. Meine bisherigen Forschungsergebnisse lauten: Fleisch darf nicht zu anderen Sachen, warm darf nicht zu kalt, Shampoo nicht zu Lebensmitteln und Eier (natürlich in Plastik statt Pappverpackung mit ordentlich Folie drum) kommen generell seperat. Kaugummis in eine seperate Tüte und dann in die normale Tüte, damit ich sie auch ja wieder finde. Denn Sinn und Zweck habe ich auch auf Nachfrage nicht verstanden (Shampoo könnte ja ans Fleisch kommen, aber das müsste erstmal den Weg durchs Plastik finden...).
Plastik gibts natürlich auch beim Kiosk gegenüber. Die obligatorische Tüte für eine Flasche Wasser, oder einen Schokoriegel. Manchmal ist der Schokoriegel so schnell in der Tüte, dass man sich gar nicht dagegen wehren kann aber mein Kiosk des vertrauens weiß schon, dass er mich fragen soll ob ich denn heute eine Tüte brauche oder nicht (ich habe ihm gesagt, dass ich Deutsche bin und wir Deutschen unsere Einkaufstüten selbst mitbringen bzw. den Schokoriegel halt in die Handtasche stecken). Plastik gibts natürlich auch in Form von Visitenkarten. Bei der Apotheke um die Ecke zum Beispiel. Die wird einem nach dem Einkauf in die Hand gedrückt und gesagt, wenn du wieder was brauchst ruf einfach an, wir liefern natürlich. Ich habe dankend abgelehnt und auch ihm erklärt, dass ich Deutsche bin und wir Deutschen eigentlich lieber persönlich in den Laden gehen um Sachen zu kaufen. Außerdem bezweifle ich, dass das sprachlich mit dem Bestellen klappt.
Aber auch das geliebte Automobil wird gerne eingepackt. Man liebt Plastik einfach zu sehr. Aber warum? Bei Taxis kann ich es ein wenig nachvollziehen, dass die Sitze in Plastk verpackt sind. Schließlich wechseln die auf-der-Sitzbank-Sitzer ja im Minutentakt, da nutzt der Bezug ziemlich schnell ab. Als Fahrgast ist so ein Plastikbezug eher unangenehm; das verlassen des Fahrzeugs ist besonders Tagsüber eher mit Schmerzen verbunden. Fraglich ist allerdings, warum Plastikfetzen des ehemaligen Bezugs noch immer auf der Sitzbank gelassen werden. Die Sitzbank ist längst durchgesessen aber die Spuren des vormaligen Schonbezugs wurden seit gefühlten 5 Jahren nicht entfernt. Gut man kann das alles verstehen. Aber nun kommt die Frage aller Fragen. Warum macht man(n) das: Mein Arbeitskollege nimmt mich manchmal mit nach Feierabend. Ich sitze also in seinem Auto (ca. 2 Jahre alt) und begutachte es von innen. Keine Plastikbezüge, gut. Mein Blick schweift nach oben an die Sonnenblenden. Eingepackt. In Plastik. Ich frage ihn: Warum sind lediglich deine Sonnenblenden in Plastik eingepackt? Und nun kommts: Ich werde das Plastik in drei Jahren entfernen und dann ist das Auto, inshallah, wie neu. Ich stockte. Ich wusste nicht weiter. Nach kurzer Bedenkzeit fragte ich ihn, wie denn das Auto in drei Jahren noch wie neu sein soll, wenn alles andere außer die Sonnenblenden Nutzungsspuren aufweist. Es schien, als machte er sich das erste mal Gedanken über sein Vorhaben, wusste aber auch keine gescheite Antwort und wiederholte lediglich "inshallah".

Ich wünsche ihm, dass es hilft.

Montag, 12. September 2011

Impressions of a Highway


Menschentransport

Strohtransport
Helm - nein, danke!
Papptransport
Zeltlager am Wegesrand
Tuktuk auf Aufholjagd
Werkstatt
Raststätte
Holzlager
Chemikalientransport
Moschee am Wegesrand
Ausschnitt der Müllhalde im Industrigebiet (am Straßenrand - natürlich)