Freitag, 2. September 2011

Arbeiten auf Arabisch. Oder: Wo liegt eigentlich Bolivien?


So, es ist nun wirklich mal wieder Zeit was zu schreiben. Der Ramadan ist nun vorbei, das Fest danach auch, nun ist Wochenende und am Sonntag geht's wieder los mit dem Praktikum. Ab jetzt Vollzeit.
Ich frage mich schon seit Wochen wie das wohl wird, denn im ersten Monat meines Praktikums habe ich nicht wirklich viel gemacht und auch nicht gelernt außer die arabische Mentalität beim Arbeiten kennengelernt. Und in dieser Mentalität zu arbeiten ist wirklich schwer, vor allem wenn man schon seit Jahren in Deutschland arbeitet.
Da wir wegen der extrem schwächelnden Wirtschaft in Ägypten und auch den umliegenden Ländern nicht wirklich viel zu tun haben, wird den ganzen Tag gequatscht. Oder auf Facebook gesurft. Oder man macht einfach mal nichts. Meine Kollegen hingegen konnten hingegen pünktlich ihren Gebeten nach kommen oder den Koran lesen, denn im Ramadan sollte jeder Gläubige den gesamten Koran lesen. Meine eine Kollegin pflegte es den Koran nicht im stillen zu lesen, wie die anderen, sondern leise vor sich hin zu murmeln. Hörte sich zwar wirklich schön an, aber ihr rhytmisches lesen und meine Langeweile führten gerne mal dazu, dass ich kurz davor war meinen Kopf auf den Schreibtisch zu legen und einzuschlafen. Was zum Glück nie passiert ist. Es ist auch wirklich ungewöhnlich, wenn der Kollege plötzlich vor meinem Schreibtisch anfängt zu beten (komischerweise hat er im ganzen Ramadan nur ein einziges Mal im Büro gebetet), oder der bestellte Mechaniker nach einem Gebetsteppich fragt und gleiches tut. Ja, das war wirklich ein kleiner Kulturschock, aber ich habe mir auch gedacht, wie schön es sein muss, sich im hektischen Büroalltag 5 Minuten Auszeit zu gönnen und zu sich zu kommen.
Hektisch war es sogar mal für eine Woche. Aber eigentlich auch nur wegen der Ich-mache-alles-auf-den-letzten-Drücker- Einstellung die, wie mir berichtet wurde, überall in Ägypten herrscht. Wir wurden eingeladen an einer Ausschreibung einer ägyptischen Firma teilzunehmen. Die Unterlagen waren laut Datum wohl schon im Juli im Büro aber erst in der zweiten Woche meines Praktikums hieß es vom Chef: Hier, durchlesen und mal gucken was man damit machen kann. Nachdem ich also 5 Stunden während der Arbeitszeit nichts gemacht habe, durfte ich nun zuhause diesen Papierstapel durchlesen. Vollkommen unstrukturiert, unlogisch und verwirrend. Drei Tage lang haben meine Kollegin und ich uns damit rumgequält, beide nichts verstanden und auch die Antworten seitens der Firma auf unsere Fragen waren mehr als nichtssagend (wenn denn mal Antworten kamen). Zwischendurch durfte ich mich als "IT-Expertin" nützlich machen. Meiner einen Kollegin simple Tricks in Excel zeigen (ich möchte hier den Nerven einiger meiner Leser zuiebe nicht näher darauf eingehen, was dort so veranstaltet wurde) oder der Sekretärin zeigen wie sie Dokumente als PDF und nicht als Bild-Datei einscannen kann. Und ich kann sagen: Das war eine meiner größten Herausforderungen. Denn eigentlich hat die Gute keine Ahnung wie irgendwas am Computer funktioniert. Ihre Methode: Einfach schnell überall rumklicken und alles wieder schließen. Aus wirklich unerfindlichen Gründen. Als ich es endlich geschafft hatte, ein Programm auf ihrem Rechner zu finden mit dem ich die Dokumente als PDF scannen kann (es sollten 60 Seiten werden), ich den Scanner startete und sie anflehte nichts, aber auch wirklich nichts mehr an zu fassen, kam alle 5 Min ein lauter Aufschrei: "ANN!! Der speichert keine Dateien" "Die kommt erst, wenns fertig ist". "ANN!! Bist du dir sicher?? Da kommt immer noch nichts, das ist alles Quatsch, besser wir machens so wie immer", "ANN!! Oooh der Chef wartet schon, wir machen doch lieber Bild-Dateien", "60 Bilder, damit wird niemand glücklich, bitte warte doch einfach. Geh ruhig beten, vielleicht hilfts ja. Ich pass hier auf." Gebet hat geholfen, das Scannen hat geklappt, schnell noch Screenshots gemacht und Beschriftet damit es beim nächstens Mal auch alleine klappt und noch einmal ermahnt, dass der Computer manchmal ein bisschen Zeit zum Denken braucht und wildes rumklicken da eher kontraproduktiv sein kein.
So, wieder zurück zu unserer Ausschreibung. Ich habe die ganzen Excel-Tabellen vorbereitet und dann angefangen die ganzen See- und Luftfracht Raten aus aller Welt einzutragen. Dafür aber wir alle unsere Büros angeschrieben die in den Ländern sitzen, von denen wir die Raten brauchten. Dann kamen allerdings Fragen, bei denen ich mit heruntergelassener Kinnlade da saß und mich fragte, ob ich nun eigentlich in einem Logsitk Unternehmen arbeite oder nicht. "ANN!! Check doch mal bitte ob Kanada näher an den USA oder an Australien liegt, damit ich weiß welches Büro ich für die Raten für Kanad fragen muss." Nachdem ich gefühlte 5Min in einer Art schockstarre da saß und auf die Karte vor meinem Schreibtisch verwieß und nur vorsichtig meinte, dass man doch ganz deutlich sieht, dass die USA und Kanada eine gemeinsame Grenze haben, kam nur ein verwundertes "OK" und weiter gings. Ein ähnliches Erlebnis eine Woche später. "ANN!! Guck mal bitte nach wo Bolivien liegt." "Ääh?! In Südamerika?!" "Oh, Ok. Dann sucht mal bitte einen Hafen raus." Meine Kollegin also auf der Google-Suche nach einem Hafen, fand auch schnell einen. Als ich allerdings meinte, kann nicht wirklich sein, weil Bolivien liegt nicht am mehr, war sie etwas verwundert. "Steht aber hier. Punkt." "Aber guck doch mal bitte auf die Karte. Kein Ozean da." "Oh" Also hab ich noch mal schnell Google angeworfen. Für alle dies interessiert: Bolivien hat einen quasi-Hafen, weil Peru so nett ist denen einen Zugang zum Ozean zur Verfügung zu stellen.
Wir wurden noch rechtzeitig fertig. Auch durch mehrere Überstunden zu Hause oder bei meiner Kollegin (Heimtückisch mit Essenseinladungen getarnt). Aber das ganze hätte deutlich entspannter laufen können, hätte man nur früher angefangen und würden alle die Sache nicht erst in den letzten Zwei Tagen ernst nehmen. Aber das ist wohl so üblich hier und für mich als Deutsche, die an einigermaßen effizientes und gründliches Arbeiten gewöhnt ist, eine kleine Katahstrophe.

Kreative Ergüsse während der Arbeit.

Achja: Noch etwas sehr ungewöhnliches. Hier werden Leute für die simpelsten Tätigkeiten angestellt. Wir haben einen Office-Boy, der nur dafür zuständig ist, Erledigungen zu machen oder Sachen von A nach B zu bringen. Außerdem gibt es extra Leute die vorbei kommen um die 5 Blumen im Büro zu gießen. Klingt verwirrend, aber mit solchen Jobs (genauso wie den Parkplatz-Einwinkern) haben jede Menge Leute wenigstens irgendeine Einkuntsquelle.